Wächterin der Moderne – oder wie in der Alten Pauline die Kufiya zum Putztuch wird

Wächterin der Moderne

oder wie in der Alten Pauline/Detmold die Kufiya zum Putztuch wird

Dummheit gepaart mit Halbwissen, Überlegenheitsgefühl und Vorurteilen ergibt immer eine unangenehme Mischung. Kommt noch Eurozentrismus und Rassismus hinzu wird es richtig schlimm. Mit Glück bleiben die daraus resultierenden Meinungen nur im Kreis eines gutbürgerlichen Stammtisches. Richtig gruselig wird es aber, wenn vermeintliche Linke diese Standpunkte als fortschrittliche Politik verkaufen wollen, wie jüngst auf der Seite der „Alten Pauline“ in Detmold.

Dort ist ein Text veröffentlicht, der leider nicht mehr einfach nur, wie andere vergleichbare seiner Art, ignoriert werden kann. Denn er bedient, mit seiner verkürzten und provokativen Argumentation, in einem besonderen Maße den antiarabischen und antimuslimischen Konsens der Gesellschaft und damit dem ihn innewohnenden Rassismus. Dieser tritt auch bei dem Text an vielen Punkten immer unverschlüsselter in Erscheinung. Die dort offenbarten stereotypen Denkweisen führen zu Vorurteilen, Diskriminierung und Ausgrenzung. Dies darf nicht hingenommen oder bagatellisiert werden, sondern muss benannt und angegangen werden, so wie auch sämtliche anderen rassistischen Muster in welcher Form sie auch erscheinen.

In dem Text mit dem Titel „Schenkt Palitücher“ (Publiziert am 22. Juli 2013 von ad1) wird dazu aufgefordert bei einer Veranstaltung in der Alten Pauline, sogenannte Palitücher gegen ein Bier einzutauschen. Die eingetauschten Tücher sollen dann als Putzlappen genutzt werden.

Schon in den zwei Sätzen der Aufforderung trumpfen die Betreiber*innen der „Alten Pauline“ ordentlich auf. Denn die Kufiya, die gemeint ist, ein traditionelles Bekleidungsstück im arabischen Raum, wird erst einmal pauschal als „Bluttuch der Judenvernichtung“ bezeichnet. In einer Fußnote soll dann in plumper Weise die Herleitung für diese Bezeichnung gerechtfertigt werden. Hierfür wird sich einer haarsträubenden Geschichtsdarstellung bedient, die in ihrem Kern eine herrschaftliche, weiße Denkweise widerspiegelt. Geschichte wird auf einige wenige Punkte reduziert und als gerade Linie gezogen. Dabei wird sich eines Standpunktes bedient, der klar auf Europa zentriert liegt und jede andere Perspektive unbeachtet lässt.

Die reißerische Bezeichnung „Bluttuch der Judenvernichtung“ soll bei den Leser*innen eine Assoziation mit der Barbarei des Nationalsozialismus wecken. Es wird suggeriert das es eine direkte Verbindung zwischen den Beiden gibt, die sich bis heute fortsetzt.

Die dafür benötigte Argumentationskette wird auch gleich in der Fußnote auf das Simpelste aufgemacht: Ein Großmufti von Jerusalem (Amin al Husseini) befiehlt in den 30er Jahren, „als Zeichen gegen die Juden und den Westen“, das Tragen der Kufiya. Wem er das befiehlt und welche Befugnisse und welchen Einfluss er überhaupt hatte, wird schon gar nicht mehr erwähnt. Dafür aber, dass er in der Waffen-SS war, sich direkt an der Vernichtung der jüdischen Menschen in Europa beteiligte, die Wehrmacht unterstützte, Terroranschläge gegen jüdische Menschen in Palästina förderte und eine entfernte Verwandtschaft mit dem ehemaligen PLO-Chef Jassir Arafat aufweist. Damit ist dann auch der Bogen zur Gegenwart gezogen und der Beweis geliefert, quasi an Hand eines antisemitischen Gens in der Familie Arafats oder gar bei allen Palästinenser*innen, dass die PLO in einer direkten Linie zum Nationalsozialismus steht. Unterstrichen wird dies noch einmal mit einem Zitat von Arafat aus dem Jahr 1980, sowie der Feststellung, dass er eben dieses Tuch weltweit bekannt machte.

In diesem kurzen Absatz zeigt sich die ganze Geschichtslosigkeit und westliche Arroganz mit dem die Autor*innen einen Konflikt beurteilen, deren Auswirkungen sie nicht zu spüren brauchen. Auch zeigt sich, dass die Denkweise die sie hier offenbaren, sich kaum von dem der Kolonialherren früherer Zeiten unterscheidet. Einer Denkweise die nicht nur für die Kriege im Nahen Osten verantwortlich ist, sondern auch für eine Jahrhunderte andauernde Ausbeutung und Unterdrückung in Südamerika, Afrika, Asien und Ozeanien. Einer Denkweise, die Rassismus befördert und den eigenen Status überhöht.

Der „Westen“ wird von den Schreiber*innen offenbar als modern, zivilisiert und fortschrittlich empfunden, dem gegenüber steht für sie der Orient, als antimodern und rückständig. Dies ist eine Sichtweise, die das Verhältnis zur arabischen Welt immer schon bestimmt hat. Das Tragen der Kufiya wurde nach Meinung der Autor*innen zum „antimodernen Zeichen“ zum „Zeichen gegen die Juden und den Westen“. Damit ist Gut und Böse aufgemacht. Die judenhassenden Araber, die sich der Zivilisation und der Moderne verweigern.

Nun verschweigt der Text aber jeglichen historischen Zusammenhang und erwähnt auch nicht, dass der Großmufti nicht nur das Tragen europäischer Hütte, sondern auch den Fes verbieten wollte. Erwähnt wird auch nicht, dass die Region, in der sich dies abspielte, unter britischer Mandatschaft stand und die Briten Amin al Husseini erst zum Großmufti gemacht hatten. Auch wird nicht erläutert, dass eben diese Region zuvor Teil des Osmanischen Reiches war. Geschweige denn, dass große Teile der arabischen Bevölkerung im 1. Weltkrieg, mit der Hoffnung auf Unabhängigkeit, die Entente gegen das Osmanische Reich unterstützten, welches auf Seiten des Deutschen Reiches stand. All dies wäre leicht zu erlesen gewesen, fließt aber in der Beurteilung nicht im Geringsten ein.

Auch die innerarabischen und innerpalästinensischen Konflikte und Machtkämpfe sind nur eine undeutliche Randerscheinung in dem Text. So erscheint es also, als wenn sich die Palästinenser*innen den Befehl von Amin al Husseini bereitwillig unterstellten und mit ihm und den deutschen Nationalsozialisten gemeinsam die Vernichtung der jüdischen Menschen vorantrieben. Erstaunlich bei der Argumentation der Schreiber*innen ist aber, dass ihr Hauptaugenmerk auf der antiwestlichen und damit für sie antizivilisatorischen Symbolik liegt und Antisemitismus eine eher untergeordnete Rolle in diesem Absatz einnimmt. Bemüht wird dieser Begriff erst in einen späteren Teil des Textes (über den ähnlich viel zu schreiben wäre, da dort mit der gleichen Methode der Reduktion und Pauschalisierung bestimmte Bilder hervorgebracht werden sollen).

Nun ist aber der Versuch die Kufiya als Pflichtbekleidung durchzusetzen, im Kontext der damaligen Situation, eher als antikolonialer Ausdruck zu deuten, denn als Zeichen gegen die Moderne. Das entschuldigt nicht im Geringsten den fanatischen Judenhass von Amin al Husseini und seine Beteiligung an der Ermordung der jüdischen Menschen in Europa. Und es rechtfertigt auch nicht die Ausschreitungen gegen jüdische Menschen zu dieser Zeit in Palästina. Aber die Beweggründe zum Tragen der Kufiya nur auf eine antimoderne Haltung zu reduzieren, reproduziert das koloniale, weiße Gehabe, welches zu der Vorstellung führt, dass den zurückgebliebenen Eingeborenen in der Welt die westlichen Werte und die Zivilisation gebracht werden müssten. So soll also die Welt, zwar nicht am deutschen, doch zumindest am westlichen Wesen genesen.

Die Deutungshoheit der Geschichte liegt dabei in Europa und ist darauf fixiert. Ausgehend von einer weißen Mehrheitsbevölkerung, die ihren Status und ihre Privilegien, unter anderem durch Ausbeutung und Unterdrückung Nichtdazugehöriger erlangte, werden die hier entstandenen Werte und Normen als Maßstab für die Welt angesehen. Die eigene privilegierte Position wird dabei außer Acht gelassen und auch die Verantwortung für die Verbrechen des Kolonialismus, sowie die eigene Teilhabe an der kapitalistischen Ausbeutung auch heute noch. So wird nicht einfach die Moderne in dem Text hoch gehalten, sondern letztlich ein System, dass die weiße und kapitalistische Vorherrschaft sichert.

Das Nationalismus und eben auch Antisemitismus ein Auswuchs der Moderne sind, scheinen die Schreiber*innen nicht zu wissen oder zu ignorieren. Amin al Husseini war Nationalist und Antisemit. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Und dafür ist er zu verurteilen. In einer Epoche der Nationenbildung, in der auch andere sich als Volk gedachte Gruppen versuchten eine nationale Identität zu schaffen und eine Nationalstaatlichkeit zu erlangen, es ausgerechnet einer Gruppe vorzuwerfen, ist nicht gerechtfertigt. Der arabische oder palästinensische Nationalismus war nicht rückständiger, als in etwa der französische. Außer das der letztere schon lange zuvor zur Nationalstattlichkeit führte. Eine Kritik am Nationalismus muss aber dem Ganzen gelten, sonst ist sie verlogen oder kratzt nur sinnlos an einer Stelle der Fassade, die weit größer ist.

Die Aussage, die laut den Verfasser*innen hinter dem Tragen der Kufiya steckte und von ihnen als antimodern und als Parallele zum Nationalsozialismus gedeutet wird, „Wir gehören zusammen, wir sind ein Volk und wer sich weigert, wird als Feind behandelt“, gilt für alle Nationalismen gleichermaßen. Hätten sich die Schreiber*innen des Textes mehr mit Nationalismus beschäftigt, als mit den Tausch von Bierflaschen wüssten sie, dass die Konstruktion eines kollektiven „Wirs“ und die damit einhergehenden Ausgrenzungsmechanismen jeden Nationalismus inne wohnen. Und sie wüssten auch, dass nicht der arabische oder der palästinensische Nationalismus zu Auschwitz führte, sondern der deutsche. Ein Land, das bekanntlich zu den „Westlichen“ gehört. Wer das ignoriert, willkürlich Parallelen zieht und eine Gleichsetzung herbei phantasiert relativiert damit den Holocaust.

Wer Geschichte so vereinfacht, wie die Verfasser*innen des Textes, hat nicht ernsthaft vor sich damit auseinander zu setzen, zu begreifen und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Wer wie in dem Text komplexe Vorgänge oder die Rolle von Personen in der Geschichte einzig auf einzelne, ihnen beliebige, Punkte und Zitate reduziert, will nicht Lösungsansätze erarbeiten oder eine Problematik vermitteln, sondern will einfach nur polarisieren und vorgefertigte Urteile untermauern. Die Reduktion wird aber der Dimension der Zusammenhänge und Auswirkungen nicht gerecht. Letztendlich dient dieses „copy and paste Wissen“, welches unhinterfragt einfach nur das Unwissen und die Ressentiments anderer wieder und wieder vervielfältigt, nicht der produktiven Auseinandersetzung, sondern nur der eigenen Verortung innerhalb „politischer“ Zirkel und der Identitätsstiftung. Das Prinzip von Kritik verkommt so zu einem kollektivierenden Lippenbekenntnis, das nur noch die Frage nach dem „für uns“ oder „gegen uns“ zulässt. Wer gegen sie ist hat der Text klar ausgemacht, alle die, die für sie, als antiwestlich eingestuft werden und somit alle die, aus welchen Beweggründen auch immer, die Kufiya tragen. Mit welcher Verachtung und Überheblichkeit sie dabei ans Werk gehen ist erschreckend. Die Kufiya ist nach wie vor ein traditionelles Kleidungsstück im arabischen Raum und für viele gar nicht so symbolbehaftet wie der Text versucht den Leser*innen einzureden. Auch wenn Traditionen an sich in Frage zu stellen sind, sollte doch dabei auch die eigene Verortung bewusst sein und ein dementsprechend sensibler Umgang gefunden werden. Was in diesem Fall bedeutet, sich klar zu machen, welche verheerende Rolle Europa und der Kolonialismus im Nahen Osten und Nordafrika einnahm und was die aktuelle europäische Politik für diese Region bedeutet. Die eigentlich angebrachte Sensibilität wird in den Text aber durch ein Überlegenheitsgefühl und durch Diffamierung ersetzt. So wird die Kufiya durchweg als Wischlappen, Fetzen und Lumpen bezeichnet. Dabei kommt der Verdacht auf, dass nicht das Tuch, sondern vielmehr die Träger*innen mit diesen Bezeichnungen gemeint sind. Pauschal werden diese unter Generalverdacht gestellt und ihnen eine antiwestliche, antimoderne und antisemitische Haltung angedichtet. Das entbehrt zwar jeglicher Nähe der Schreiber*innen zur Realität, offenbart aber umso mehr die Nähe derselben zu einem Gedankengut, das seit jeher eben auch Teil der Problematik im Nahen Osten ist. Die eurozentristische, weiße Sichtweise der Verfasser*innen und der damit einhergehende latente Rassismus tragen sicherlich nicht zu Lösungen bei, noch werden damit gesellschaftliche Strukturen aufgebrochen die Diskriminierung, Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung hervorbringen. Letztendlich haben sich die Autor*innen mit dem Verfassen des Textes von einem fortschrittlichen, kritischen Dasein verabschiedet, falls sie überhaupt jemals dort zu finden waren.

Menschen aus autonomen Zusammenhängen in OWL





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